Sobald wir unsere Rucksäcke im Schneewittchen-Sarg abgeworfen haben, ziehen wir los. Wetter ist ganz gut, der alte Hafen nebenan verspricht gutes Essen.
Im Meritähti, im Seestern, bekommen wir urig und lecker essen. Die nächsten Tage wollen wir wiederkommen. Wir laufen etwas am komplett verlassenen Badestrand vorbei, bestaunen mal wieder Omnigym Anlagen. Man kann easy die Gewichte verstellen und die Geräte an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Schon genial.


In den Hafen sehen wir ein Schiff mit Touris einlaufen. Das machen wir morgen auch. Bestimmt ist das ein netter Ausflug. Wohin das Schiff fährt, bekommen wir schon noch raus.

Am nächsten Tag herrscht Weltuntergang. Es ist so stürmisch, dass wir nach dem Frühstück die Beine wieder unter die Bettdecke stecken und erst einmal abwarten, bis der Regen nachlässt. Bootsfahrt? Never! Dann zotteln wir los Richtung Heimatmuseum.

Man ahnt schnell, dass hier in Kemi eben noch was los war. Im Hafen gibt es viele geschlossene Kaffees, überall sind Sitzgelegenheiten. Schaukeln an Tischen am Hafen. Alles verlassen im stürmischen Regen. Und so viele Restaurants, Ravintulas. Und eine ganze Route durch Kemi mit reichlich Skulpturen.
Tatsächlich fällt uns eine am Hafen sofort auf.

Ohne anfänglich zu verstehen, was sie darstellen soll, erkennen wir die Traurigkeit und Verzweiflung der Skulptur. Tatsächlich ist es eine Mahnung der Kriegskinder, dafür zu sorgen, dass nie wieder Krieg ausbricht. Bezogen auf den 2. Weltkrieg. Aus den 1990er Jahren. Von den Menschen, die in den 1940ern Kinder waren. Ich habe einen Kloß im Hals.
Das Heimatmuseum ist im Kulturzentrum und kostenlos. Die Ausstellung ist wirklich umfangreich und informativ. Bisschen viel Text, alles auf Finnisch und Englisch.
Wir lernen über die späten Anfänge Kemis und dass die Holzbearbeitung und der Hafen Kemi Bedeutung verschaffte.
Der Fluss Kemijoki führt quer durch Lappland und eignete sich daher perfekt zum Flößen von Baumstämmen.
Auf dem Weg von Oulu nach Kemi habe ich aus dem Zugfenster heraus gesehen, dass hier viele Wälder in Monokulturen angelegt wurden. Schnurgerade Kiefern ohne Bewuchs am Waldboden, dazwischen immer wieder kahl gerodete Flächen. Holzwirtschaft halt. Die Rodungen sahen wie Wunden im Wald aus.
Die größte Dampf betriebene Sägemühle entstand hier auf der Insel Laitakari vor Kemi im 19. Jahrhundert. Inzwischen wird das Holz woanders verarbeitet, aber Kemis größte Arbeitgeber sind eine Papierfabrik und 2 internationale Häfen. Den Tourismus versuchen sie auszubauen.
Tatsächlich hat die Stadt Kemi den ausgemusterten Eisbrecher Sampo gekauft und zum Passagierschiff umgebaut. Auch das Snow Castle ist in öffentlicher Hand. Das finde ich interessant: kein Unternehmer hat sich das ausgedacht, sondern die Stadtverwaltung. Ich guck auf dieses Disneyland mit einem anderen Blick.

Wir gehen noch ein bisschen Kaffee trinken und kommen dann völlig durchnässt wieder in unserem Schneewittchen-Sarg an. Die Klamotten müssen wir föhnen. Abends freuen wir uns auf unser Seesternchen und wollen dort gleich nach Leih-Rädern für den nächsten Tag fragen.
Pustekuchen. Ist zu. Die anderen Ravintola auch. Mist. Wir finden natürlich was, werden nochmal nass und schlafen gut in unseren letzten Urlaubstag.
Passend zu unserem Eindruck schreibt Sebastian Wilcken gerade in seinem Newsletter über den kurzen Sommer, der in Finnland Ende Juli zu Ende geht.
Dienstag soll das Wetter besser werden. Wo denn? Jedenfalls nicht hier! Es regnet, stürmt und hat nur noch 9°.

Wir trödeln beim Auschecken, stellen dann unsere Rucksäcke bis 21 Uhr immerhin an der Rezeption ab. Gut, dass wir die nicht den ganzen Tag mitschleppen müssen.
Unser Nachtzug geht um 22:30 Uhr… So richtig eine Wanderung gibt es fußläufig nicht, aber einen Spaziergang am Meer können wir machen. Als wir mittags losgehen, fängt es wieder an zu regnen. Dieses Mal dürfen die Hosen nicht nass werden, wir haben keinen Föhn mehr. Also nochmal Café Hertta am Bahnhof und den Regen abwarten.
Als wir schließlich losgehen, ist es zwar trockener, aber immer noch bitterkalt. Man hört die Papierfabrik stampfen wie in einem dystopischem Film über die Industrialisierung.




Jetzt reißt es doch etwas auf und der Himmel wird ein wenig blau.

Abends hat am Hafen noch ein Ravintola offen, das Sataman Krouvi. Sie haben eine Firmengruppe da, bringen unsere Bestellungen durcheinander und wir müssen ganz schön warten. Aber sie sind dabei so charmant, geben uns noch ein Bier aus – und ein Glas Bier kostet 10 Euro – und am Ende ist das Essen dermaßen lecker, dass dieser Abend eines der Highlights unseres Urlaubs wird. Vollgepumperlt und leicht abgefüllt mit jeweils 2-3 lokalen Bieren aus Tornio wanken wir zum Glass Village, um unsere Rucksäcke einzusacken und zum Bahnhof zu rollen. Dort angekommen müssen wir gut 1 Stunde warten. Der Tag wird lang und länger.
Am Bahnhof steht noch immer der Zug mit den Baumstämmen, den ich mittags schon gesehen habe. Am Tag unserer Ankunft in Kemi ist mir die ungeheure Menge an Waggons zum Transport von Baumstämmen aufgefallen. Von Horizont zu Horizont nur solche Wagen, soweit das Auge reicht. Und jetzt riecht es gut. Warum riecht frisch gesägtes Holz so gut? Der Duft des Todes?




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